Vom Erlahmten
„Es gibt ganz Massen, aber keinen Menschen. Man könnte sich in den anderen Bereichen des Lebens noch damit abfinden, dass es dort wenig Liebe gibt, dass die Menschen sich nur um sich selbst kümmern und mit sich selbst beschäftigt sind, dass sie aneinander vorbeigehen und vorübergehen an der Not eines anderen. Doch innerhalb der Kirche gibt es dafür keine Entschuldigung, denn die Kirche ist, wie sie der Heilige Ignatius beschrieben hat, die Fleisch gewordene Liebe. Und wo es diese Liebe nicht gibt, gibt es auch keine Kirche. Dann existiert sie nur zum Schein, dann ist sie ein Betrug, der die Menschen von ihr fortstößt.“ – aus einer Predigt zum Sonntag des Erlahmten von Metropolit Antonij von Sourozh
Статья

Als Christus den Erlahmten fragte, warum er so viele Jahre krank daliegt und im Schafsteich keine Heilung finden konnte, obwohl er doch durch die Gnade des Heiligen Geistes dort hätte geheilt werden können, antwortete der Kranke Ihm: Ich habe niemanden, der mich in diese heilenden Wasser trägt. Jedes Mal, wenn die Wasser sich regten, war ein anderer schneller und tauchte in ihnen unter.

Dieses Bild passt so schmerzvoll zu unserem gesamten Leben. Wie viele Menschen können auch heute sagen: Ich habe niemanden. Es gibt zwar viele Leute, doch keinen Menschen. Rund herum rennt eine ganze Meute von Menschen, aber es findet sich keiner, der mich bemerkt, der menschlich, d.h. voller Feingefühl und Mitleid auf mich eingeht. Dies ist einer der furchtbarsten Züge nicht nur der Welt überhaupt, sondern auch unserer eigenen christlichen. Es gibt ganz Massen, aber keinen Menschen. Man könnte sich in den anderen Bereichen des Lebens noch damit abfinden, dass es dort wenig Liebe gibt, dass die Menschen sich nur um sich selbst kümmern und mit sich selbst beschäftigt sind, dass sie aneinander vorbeigehen und vorübergehen an der Not eines anderen. Doch innerhalb der Kirche gibt es dafür keine Entschuldigung, denn die Kirche ist, wie sie der Heilige Ignatius beschrieben hat, die Fleisch gewordene Liebe. Und wo es diese Liebe nicht gibt, gibt es auch keine Kirche. Dann existiert sie nur zum Schein, dann ist sie ein Betrug, der die Menschen von ihr fortstößt.

Das ist der Grund, warum unsere Kirchen leer sind, warum die Jugend und ebenso viele Leute aus unterschiedlichen Schichten nicht mehr kommen. Sie finden unter uns keine Liebe. An diesem einzigen Ort, wo es sie unbedingt geben sollte, wo sie sich über die Grenzen des Gotteshauses in die Herzen ergießen, wo sie jeder spüren und jeder finden sollte, der die Schwelle unserer Kirche übertritt – und sei es nur ein zufälliger Besucher – gibt es sie nicht. Vor vielen Jahren, als Bischoff Basilius das erste Mal nach Russland fuhr, sah er in seiner Nähe einen einfachen Arbeiter, der betete. Als er ihn fragte, warum er in die Kirche gehen würde und ob er alle Gebete verstehen würde, antwortete dieser: Nein. Was ist es aber dann, was Sie anzieht? Er antwortete: Es ist der einzige Ort, wo man von nichts anderem hört, als nur von der Liebe, und wo man dir mit Liebe entgegentritt.

Auf dieser Basis steht die Russische Kirche, auf ihr auch die gesamte Kirche in der Welt. Als die Apostel loszogen, verkündeten sie den Menschen die Frohe und Leben spendende Botschaft, dass alle in den Augen Gottes wertvoll und von Ihm geliebt sind. Sie waren lebendige Zeugen dafür, dass es eine Gemeinschaft von Menschen gibt – ein kleines Häuflein zuerst – die gemeinsam mit Gott die von Ihm geschaffene Welt lieben gelernt habe und mit ihr auch alle Menschen. Alle ohne Ausnahme! Die Nahen und die Fernen, die Freunde und die Feinde, die, die sie lieben und auch die, die sie hassen: alle gleich, denn alle sind Geschöpfe Gottes und alle bedeuten Ihm viel.

Das ist es, wovor uns das heutige Evangelium stellt. Es gibt viele Leute, aber keinen Menschen. Und das betrifft nicht nur die „fremden Menschen“, die zufällig in die Kirche gekommen sind, sondern das betrifft jeden von uns. Können wir etwa so einander vertrauen und auf einander bauen, wie die ersten Christen sich auf einen Menschen verlassen konnten, der neben ihnen stand? Nein. Die Liebe ist unter uns verarmt. Wir haben uns verschlossen und sind kalt geworden, denn um uns herum finden wir nur Leere. Der Grund dafür sind wir selbst. Mit dem Herzen zu lieben, mit Freude zu lieben, ist etwas, was man nur schrittweise erlernen kann. Doch zu lieben aus Entscheidung, aus Glauben und aus Überzeugung, durch jede Geste, durch all unser Tun und Denken, ist allen gegeben. Christus hat uns aufgetragen, wenn wir Ihn lieben, Seine Gebote zu erfüllen. Er hat versprochen, dass Er zu denen, die dies auch tun, gemeinsam mit Seinem Vater und dem Geist kommen wird und sie zu einem Tempel der Heiligen Dreifaltigkeit macht. Dann wird der Mensch mit Herz und Verstand, ja mit  seinem gesamten Wesen in Leben spendender Liebe entbrennen. Bis dahin lasst uns wenigstens mit Mitgefühl und Verständnis miteinander leben und zu einer Kirchengemeinde, zu einer Bruderschaft von Menschen werden, die vielleicht irgendwann einmal zu einem herrlichen Abbild der Mensch gewordenen Göttlichen Liebe wird, einer Liebe, die in jedem von uns Gestalt angenommen hat, zur Freude, zur Tröstung, zum Heil eines jeden von uns. Möge der Herr uns helfen, zu einer wahren Kirche zu werden und nicht nur eine Kirche zum Schein zu sein.

Amen
Комментарии ():
Написать комментарий:

Другие публикации на портале:

Еще 9